Don’t Ever Wipe Tears Without Gloves

Don’t Ever Wipe Tears Without Gloves

Seit "Engel in Amerika" (2003), Mike Nichols wegweisender TV-Verfilmung von Tony Kushners gleichnamigen Theaterstück, sind eine ganze Reihe sehenswerter und großformatiger Period-Pieces über die verheerenden Anfangsjahren von HIV/AIDS in die Kinos gekommen. Mitreißend erzählten allein in den letzten beiden Jahren das australische Biopic "Holding the Man" (2016) und das französische Gruppenportät "120 BPM" (2017) von Liebe, Tod und Widerstand im Angesicht der Epidemie. Bereits 2012 lief im schwedischen Fernsehen der Dreiteiler "Don't Ever Wipe Tears Without Gloves", die Verfilmung einer Romantrilogie des Comedians und Autors Jonas Gardell um eine Gruppe von schwulen Freunden im Stockholm der 80er Jahre. Nun ist die Mini-Serie, die in Skandinavien als Standardwerk zum Thema gilt, auch in Deutschland auf DVD und Blu-ray erschienen. Paul Schulz ist von der Energie des Schauspielensembles begeistert. Doch ist der Film wirklich für ein queeres Publikum gemacht oder nicht vielmehr eine Parabel über schwules Leben für Heterosexuelle?
1:54

1:54

Neu auf DVD: Tim ist ein Chemie-Genie und ein guter Sportler. Doch seit dem frühen Tod seiner Mutter läuft er nicht mehr und lässt die Hänseleien seines brutalen Mitschülers Jeff über sich ergehen. Ein schrecklicher Vorfall, für den sich Tim die Mitschuld gibt, rüttelt ihn auf. Er fängt wieder mit dem Laufen an, vor allem um Jeff eins auszuwischen und ihm den Startplatz über die 800m bei den nationalen Wettkämpfen wegzunehmen. Für die Qualifikation muss Tim die Strecke in 1:54 Minuten laufen. Doch Jeff ist jedes Mittel Recht, um seinen Intimfeind auf Distanz zu halten, auch wenn es noch so grausam ist... Regisseur Yan England steigert in seinem vielschichtigen High-School-Drama über Cybermobbing und Homophobie die Spannung immer weiter, bis sie im überraschenden Finale schier zu bersten scheint. In der Hauptrolle des introvertierten Tim glänzt Antoine Olivier Pilon, Xavier Dolans furioser Hauptdarsteller aus „Mommy“ (2014). Von Frank Brenner.
Queercore: How to Punk a Revolution

Queercore: How to Punk a Revolution

Regisseur Yony Leyser erzählt in seinem neuen Dokumentarfilm die Geschichte jener lose verbundenen Gruppe von nordamerikanischen Punk-Künstler_innen, die in den 1980er und 90er Jahren ihre queeren Identitäten radikal ins Zentrum der eigenen Arbeiten rückten – und sich damit nicht nur gegen die damals von heterosexuellen Männern dominierte und latent homophobe Punk-Bewegung auflehnten, sondern auch gegen den allzu angepassten schwulen Mainstream. "Queercore", der ab Donnerstag im Kino läuft, gewährt spannende Einblicke in eine Szene, über die man hierzulande wenig weiß, erinnert unseren Autor Peter Rehberg aber auch etwas zu sehr an eine Geschichtsstunde. Läuft das klassische Bildungsformat des Films vielleicht sogar an zentralen Ideen der Bewegung vorbei?
Ein Date für Mad Mary

Ein Date für Mad Mary

Irland sei vor allem eins, sagt das Klischee: rau und unverblümt. Da wird nicht verschönt und verbrämt, da gibt’s Pubs und Prügeleien und harte Schalen mit weichen Herzen. Könnte stimmen, wenn man dem irischen Coming-of-Age-Film "Ein Date für Mad Mary" glaubt, der diesen Monat in der queerfilmnacht läuft und ab 14. Dezember auch regulär im Kino zu sehen sein wird. Verkratzte Charaktere, superbe Schauspielerinnen, ein guter Soundtrack und – ganz nebenbei – eine lesbische Liebe machen das Spielfilmdebüt des Regisseurs Darren Thornton zu einer großen Entdeckung. Von Tania Witte.
120 BPM

120 BPM

Paris, Anfang der 1990er. Seit fast zehn Jahren wütet Aids in Frankreich, doch noch immer wird über die Epidemie in weiten Teilen der Gesellschaft und der Politik geschwiegen. ACT UP, eine Aktivistengruppe von Betroffenen, will auf die Missstände aufmerksam machen und schreckt auch vor spektakulären Protestaktionen nicht zurück. Der französische Regisseur Robin Campillo, der sich selbst jahrelang bei ACT UP engagierte, hat über diese Zeit nun einen großartigen Spielfilm gemacht – und damit dem französischen Aids-Aktivismus ein längst überfälliges filmisches Denkmal gesetzt. Durch die berührende Liebesgeschichte zwischen Nathan und Sean, zwei Mitgliedern der Gruppe, entfaltet "120 BPM" eine geradezu revolutionäre Kraft: In einem historischen Moment, in dem für HIV-Positive und deren Freunde das Politische von persönlicher, ja existentieller Bedeutung ist, begegnen die beiden der gesellschaftlichen Ignoranz und der Angst vor dem Tod mit rasendem Widerstand und einem unbändigen Willen zu leben. "120 BPM" wurde im diesjährigen Wettbewerb von Cannes uraufgeführt und u.a. mit dem Großen Preis der Jury und der Queer Palm ausgezeichnet. Der Film ist für zwei Europäische Filmpreise nominiert und wird von Frankreich offiziell ins Oscar-Rennen geschickt. Ab Donnerstag startet Campillos Meisterwerk, das viele für den wichtigsten queeren Film des Jahres halten, in den deutschen Kinos. Sascha Westphal hat sich mitreißen lassen.
Der Moment: XXY

Der Moment: XXY

„Der MENSCH meines lebens bin ich.“ 1975 erschien „Häutungen“ von Verena Stefan. Der vielschichtige Roman über selbstbestimmte weibliche Sexualität wurde zum Klassiker der sogenannten „Neuen Frauenliteratur“ und ist bis heute ein internationaler Bestseller. Als die SISSY Verena Stefan 2011 bat, ihren Lieblingsmoment aus einem Film des queeren Kinos zu beschreiben, erhielt sie gleich mehrere, alle aus Lucía Puenzos „XXY“. Und, natürlich, ein Plädoyer für die Vieldeutigkeit. Nun ist Verena Stefan nach langer Krankheit gestorben. Mit der Wiederveröffentlichung ihres „Moments“ möchten wir an sie erinnern.
Überleben in Neukölln

Überleben in Neukölln

Rosa von Praunheim hat halbrunden Geburtstag und uns zur Feier einen neuen Film aus Neukölln mitgebracht. Das queere Panorama aus Porträts von kreativen, verrückten und – im Praunheimschen Sinne – herrlich perversen Bewohner_innen des berüchtigten Szenebezirks setzt das Prinzip der unangepassten Lebenstraumerzählungen fort, mit dem der Regisseur seit nunmehr 50 Jahren die heterornormativen Strukturen der deutschen Kino- und Fernsehlandschaft unterwandert. Eine Hommage von Jan Künemund.
Battle of the Sexes – Gegen jede Regel

Battle of the Sexes – Gegen jede Regel

Am 20. September 1973 kommt es im Astrodome in Houston zu einem der größten Spektakel der Sportgeschichte: Billie Jean King, die Nummer 1 im Frauentennis, duelliert sich mit Bobby Riggs, einem abgehalfterten Wimbledon-Champion und notorischen Zocker. Das Match, das die Medien unter dem Titel „Battle of the Sexes“ zum Megaevent aufgebauscht haben, sehen über 90 Millionen live im Fernsehen. King gewinnt deutlich und wird für ihren Erfolg als Ikone der Frauenbewegung gefeiert. Gerüchte, Riggs habe absichtlich verloren, um seine Spielschulden zu begleichen, schmälern Kings Sieg nur unerheblich. „Battle of the Sexes – Gegen jede Regel“ entwickelt aus dem spektakulären Geschlechterkampf auf dem Tennis-Court die persönliche Emanzipationsgeschichte von King, die mit der Gründung der noch heute maßgebenden WTA-Tour nicht nur das professionelle Damentennis fast im Alleingang erfand, sondern später auch eine der ersten offen lesbischen Profi-Sportlerinnen war. Das mit Stars (Emma Stone, Steve Carell, Alan Cumming) gespickte Biopic bietet eine hinreißende queere Liebesgeschichte und ist eine smarte Auseinandersetzung mit der zweiten Welle des Feminismus, hätte aber auch bei seinen Männerfiguren gerne etwas kritischer sein dürfen. Von Beatrice Behn.
Der Moment: Teorema

Der Moment: Teorema

Christoph Klimke, Jahrgang 1959, lebt als Schriftsteller und Dramaturg in Berlin. Zuletzt sind von ihm der Gedichtband "Fernweh" (2013) sowie ein langer biographischer Essay zum politisch-künstlerischen Engagement Pier Paolo Pasolinis erscheinen, "Dem Skandal ins Auge sehen" (2015). Auch Klimkes persönlicher filmischer Moment führt ins Werk des 1975 ermordeten italienischen Dichters und Filmemachers: zu "Teorema" (1968), Pasolinis visionärer Filmparabel über einen rätselhaften jungen Mann mit strahlend blauen Augen, der sämtlichen Mitgliedern einer Mailänder Industriellen-Familie die Köpfe verdreht.
Body Electric

Body Electric

Der Debütfilm des brasilianischen Regisseurs Marcelo Caetano zeichnet mit beeindruckender Beiläufigkeit das Porträt des Mizwanzingers Elias, dem in einem Vorort von Sao Paolo nicht das eigene Schwulsein zu schaffen macht, sondern die universelle Frage, was wichtiger ist: die Karriere oder das übrige Leben. Gegenüber dem mühsamen Arbeitsalltag in einer Großschneiderei, der die Gefahr birgt, den eigenen Körper zu verdinglichen, entwirft „Body Electric“ die Utopie einer Gruppe junger Leute, die über die Grenzen des sozialen Standes und der sexueller Identität hinweg füreinander da sind. Rajko Burchardt hat sich mittreiben lassen.