Eine fantastische Frau

Eine fantastische Frau

Spätestens seit seinem berührenden und vielfach preisgekrönten Porträtfilm „Gloria“ (2013) gilt der chilenische Regisseur Sebastián Lelio als Meister des sozialrealistischen Melodrams. In seinem neuen Film erzählt er die Geschichte einer anderen fantastischen Frau aus Santiago de Chile: der Kellnerin und Sängerin Marina, die einst ein Mann war. Als ihr Partner stirbt, muss sie sich gegen perfide Anfeindungen behaupten und darum kämpfen, um ihren Geliebten trauern zu dürfen. „Eine fantastische Frau“ wurde auf der Berlinale uraufgeführt und dort gleich doppelt ausgezeichnet: mit dem Silbernen Bären für das Beste Drehbuch und dem Teddy Award für den Besten Spielfilm. Ab morgen ist Lelios mitreißendes queeres Selbstverteidigungs und –ermächtigungsdrama im Kino zu sehen. Von Barbara Schweizerhof.
Herzstein

Herzstein

Die queerfilmnacht macht im September einen Ausflug nach Borgarfjörður eystri, ein kleines Fischerdörfchen irgendwo in Island. Dort hat der Regisseur Guðmundur Arnar Guðmundsson sein Langfilmdebüt über zwei Jungs gedreht, die ihr sexuelles Erwachen in unterschiedliche Richtungen führt. Für sein vielschichtiges, in atemberaubenden Landschaftsbildern eingefangenes Porträt einer unbändigen und zugleich schwer verletzlichen Freundschaft wurde Guðmundsson letztes Jahr in Venedig vollkommen zurecht mit dem Queer Lion ausgezeichnet. Von Rajko Burchardt.
Heartland

Heartland

Das Regiedebüt der Filmemacherin Maura Anderson basiert auf den persönlichen Erlebnissen von Drehbuchautorin Velinda Godfrey, die in „Heartland“ selbst die Hauptrolle spielt: Lauren ist eine 26-jährige Künstlerin, die nach dem Tod ihrer Lebensgefährtin mit nichts als ihrer Handtasche und einem Rollkoffer zu ihrer Mutter ins Elternhaus zurückkehrt, ins Herz des ländlichen Amerikas. Ein berührend zurückhaltender Film über die Suche nach Geborgenheit, über alte und neue Familienkonflikte, eine unverhoffte Romanze und das Entdecken neuer Lebensperspektiven. Von Natália Wiedmann.
Chavela

Chavela

„Ich glaube, es gibt keine Bühne auf dieser Welt, die groß genug für Chavela wäre“, hat Pedro Almodóvar einmal über Chavela Vargas gesagt. Bevor er die mexikanische Sängerin in den 90er Jahren in seinen Filmen „Die Waffen einer Frau“ und „Mein blühendes Geheimnis“ besetzte, hatte man sie in ihrer Heimat schon beinah vergessen. Dabei war die offen lesbische Chavela von den 50ern bis in die 70er eine der bekanntesten Musikerinnen Lateinamerikas und galt als Königin der Rancheras, der mexikanischen Volkslieder, die sie zu Stücken einer tief verletzten Seele umgestaltete. Catherine Gund und Daresha Kyi haben über die berüchtigte Liebhaberin und große Einzelgängerin nun einen berührenden Dokumentarfilm gedreht. Von Maria Marchetta.
In memoriam: Manfred Salzgeber (1943-1994)

In memoriam: Manfred Salzgeber (1943-1994)

Wer hat eigentlich gesagt, dass man an Verstorbene und schmerzlich Vermisste nur zu runden Todestagen erinnern darf?! An diesem Samstag jährt sich der Tod des großen schwulen Filmverleihers, Festivalmachers, Cineasten und Aktivisten Manfred Salzgeber zum 23. Mal. Manfreds Engagement für die Filmkunst der Außenseiter und Minderheiten war schier grenzenlos: Er war Gründungsmitglied des Berlinale-Forums und des kommunalen Kinos Arsenal, betrieb in Berlin mehrere Programmkinos, als es den Begriff Programmkino noch gar nicht gab, leitete viele Jahre das Panorama der Berlinale und erfand zusammen mit Wieland Speck den Teddy Award. Als Mitte der 80er Jahre kein deutscher Verleih bereit war, das US-amerikanische Aids-Drama "Buddies" in die Kinos zu bringen, gründete er kurzerhand seinen eigenen Filmverleih, die bis heute höchst agile "Edition Salzgeber". Um an Manfreds Mut und seinen unermüdlichen Entdeckergeist zu erinnern, denen sich auch die sissy eng verbunden fühlt, veröffentlichen wir den berührenden Nachruf von Mariam Lau, der am 18. August 1994, sechs Tage nach Manfreds Tod, in der taz erschienen ist.
Die Wunde

Die Wunde

Queere Filme aus Afrika, wo Homosexualität noch immer in vielen Ländern tabuisiert, in einigen sogar unerbittlich verfolgt wird, sind selten. Selbst in Südafrika, das als eher progressiv gilt, wird außerhalb der großen Städte darüber nur selten offen gesprochen. John Trengove erzählt in seinem Debütfilm nicht nur von einer unterdrückten schwulen Liebe zwischen zwei erwachsenen Xhosa-Männern. Er bricht auch noch mit einem zweiten Tabu seines Heimatlandes, indem er die Geschichte von Xolani und Vija in das uralte Ukwaluka-Beschneidungsritual einbettet. Das Ritual, das die beiden als Mentoren betreuen, soll den rebellischen Stadtjungen Kwanda zum „richtigen“ Mann machen, tatsächlich bringt der aber Xolanis Selbstbild radikal ins Wanken. Auf die universelle Frage, wie man schwules Begehren in einer von maskulinen Rollenbildern dominierten Kultur leben kann, findet Trengove als Antwort packende und magisch berührende Bilder. Nachdem „Die Wunde“ bereits in Sundance und im Panorama der diesjährigen Berlinale gefeiert wurde, läuft er bei uns im August in der queerfilmnacht, bevor er am 14. September auch regulär im Kino startet. Von Esther Buss.
The Party

The Party

Die britische Regisseurin Sally Potter, die Mitte der 1960er die Schule abbrach, um Filme zu machen, und mit dem mit einem Frauenteam gedrehten Erstling „Gold Diggers“ (1983), später mit „Orlando“ (1992) queer-feministische Meilensteine in die Filmgeschichte setzte, ist auch 2017 kein bisschen braver geworden. Im Gegenteil: Mit ihrem energetischen Schnellschuss „The Party“ zeichnet sie kammerspielartig aktuelle (geschlechter-)politische Frontlinien nach und brachte damit Schwung in den Berlinale-Wettbewerb. Hilfe bekam sie dafür von einem Cast europäischer A-Schauspieler. Da knallen nicht nur die Sektkorken. Von Alexandra Seitz.
Der Ornithologe: Video-Interview mit João Pedro Rodrigues & João Rui Guerra da Mata

Der Ornithologe: Video-Interview mit João Pedro Rodrigues & João Rui Guerra da Mata

Seit über 20 Jahren arbeiten die beiden portugiesischen Filmemacher João Pedro Rodrigues und João Rui Guerra da Mata zusammen. Ihr Filme gehören zum Aufregensten, Mutigsten und Schönsten, was das queere Kino in Europa in dieser Zeit hervorgebracht hat. Schon in João Pedros erstem Kurzfilm "Parabéns!" (1997) spielte sein Lebensgefährte João Rui die Hauptrolle. Bei João Pedros ersten beiden Spielfilmen, "O Fantasma" (2000) und "Odete" (2005), war João Rui Art Director, bei "To Die Like a Man" (2009) schrieb er auch am Drehbuch mit. 2012 führten die beiden bei dem Essayfilm "The Last Time I Saw Macao" gemeinsam Regie. "Der Ornithologe" ist ihr vierter gemeinsamer Spielfilm, João Pedro führte Regie, João Rui schrieb wieder am Buch mit und war für Set und Kostüme zuständig. Wir haben mit den beiden über die vielfältigen Verwandlungen ihres traumhaften neuen Films gesprochen, über alte und neue Heiligenbilder und die Kraft queeren Begehrens.
Der Ornithologe

Der Ornithologe

Der neue, großartige Film von João Pedro Rodrigues („O Fantasma, 2000; „To Die Like a Man“, 2009) handelt von einem Ornithologen, der sich nach einem Bootsunglück alleine durch die Wälder Nordportugals kämpfen muss, vorbei an mysteriösen Hindernissen und erotischen Begegnungen. Rodrigues' sehr persönliche, höchst queere Interpretation der Legende des Heiligen Antonius ist wie ein Traum von Tod, Auferstehung und Märtyrertum: ein Delirium, in dem sich alle spirituellen und körperlichen Grenzen lustvoll auflösen. Bei den Filmfestspielen in Locarno wurde „Der Ornithologe“ zu Recht als Meisterwerk gefeiert und mit dem Silbernen Leoparden für die Beste Regie ausgezeichnet. Für uns wagt sich Sascha Westphal in Rodrigues' schwirrende Dschungelwelt der Rätsel und Verwandlungen, in der man erst alles verlieren muss, um sich selbst zu finden.
Noordzee, Texas

Noordzee, Texas

Ganze zehn Jahre hat der belgische Regisseur Bavo Defurne an seinem Debütfilm „Noordzee, Texas“ gearbeitet. Als die zarte Geschichte über die erste Liebe von zwei Jungen 2011 endlich in die deutschen Kinos kam, fand sissy: Das Warten hat sich gelohnt, der Film ist ein echter Kinotraum geworden! Anlässlich des Starts von Defurnes neuem Film "Ein Chanson für Dich" empfehlen wir eine Wiederbegegnung mit seinem romantischen Erstling - und mit Paul Schulz' mitreißender Beschreibung von dessen magisch-realistischen Wundheilungsfähigkeiten.